Die Magische: Rolleiflex 3.5F Modell 3

Meine Rolleiflex 3.5 F Modell 3 mit Planar-Objektiv. Diese Kamera ist laut Seriennummer aus den späten 1960er-Jahren. Der Selen-Belichtungsmesser arbeitet noch sehr präzise, und der Filmtransport funktioniert so sanft und geschmeidig als wäre die Kamera neu und nicht 50 Jahre alt.

 

Alte, analoge Kameras haben ja alle ihre ganz eigene Aura, aber für mich besitzt von allen meinen Schätzen diese Rolleiflex die magischste Ausstrahlung. Ich muss den länglichen Klotz aus Glas und Metall nur in die Hand nehmen, seine Schwere spüren, seine Leder-, Lack- und Chromflächen berühren, mit seinen filigranen und trotzdem unglaublich robusten Bedienungselementen spielen, um binnen weniger Augenblicke den durchdigitalisierten Menschen der 2010er-Jahre abzustreifen und ein halbes Jahrhundert in die Zeit zurückzureisen. Aber damit nicht genug. Jedes Mal, wenn ich in den Lichtschachtsucher meiner Rolleiflex blicke, zieht sie mich hinein in ihre ganz eigene optische Welt.

Zwei Objektive an einer Kamera sind an sich schon eine Seltenheit. Bis auf Stereokameras weisen nur zweiäugige Spiegelreflexkameras diese Besonderheit auf, aber die beiden Augen der Rolleiflex sind noch dazu unterschiedlich wie die eines australischen Schäferhunds. Das obere Auge, das des Sucherobjektivs, erscheint geheimnisvoll dunkel, fast schwarz,  bis man den Lichtschacht aufklappt. Dann strahlt es hell und weiß mit einem leichten Hauch von rötlichem Braun, der von der Vergütung der Linsen stammt. Das untere, das Aufnahmeobjektiv, hat ebenfalls diesen bräunlichen Hauch über den Glasflächen, aber dahinter schimmern blaumetallisch die sichelförmig gerundeten Lamellen des Zentralverschlusses.

Rolleiflex: Zwei ungleiche Augen
Zwei ungleiche Augen

Das Sucherobjektiv ist ein wenig größer als das Aufnahmeobjektiv und als 2.8er auch eine Blende lichtstärker. Zwei unterschiedliche Augen also, die auch unterschiedliche Namen haben: Unten das Carl Zeiss Planar, ein legendärer Sechslinser, 1896 zum ersten Mal gerechnet und berühmt für seine Schärfe und die Planheit seines Bildfeldes. Oben ein Heidosmat, dessen Name schon sagt, dass es nicht von Zeiss stammt, sondern von Franke und Heidecke, der Herstellerfirma der Rolleiflex. Es erschien mir immer ein unglaublicher Luxus, ein vollwertiges, mehrlinsiges und aufwändig vergütetes Objektiv in eine Kamera einzubauen, das in seinem ganzen Leben nicht ein einziges Foto machen wird und lediglich dazu dient, dem Fotografen ein möglichst gutes Abbild seines Motivs zu liefern.

Und genau dieses Abbild ist ein wichtiger Teil der Magie dieser Kamera. Beim Fotografieren mit der Rolleiflex kommt man nach kurzer Zeit in einen  fast süchtig machenden Flow, weil man beim Blick in ihren Lichtschacht  die reale Welt wie Wasserspiegel eines Zauberbrunnens wahrnimmt, auf dem wie von Zauberhand magische Bilder entstehen. Man blickt man nach unten und sieht doch nach vorn, aber das Bild ist spiegelverkehrt und zwingt das Gehirn beim Visualisieren des fertigen Fotos zu ständigen Umrechnungen.

Rolleiflex: Blick in den Zauberbrunnen
Blick in den Zauberbrunnen

Das Abtauchen in eine optisch veränderte Wirklichkeit lässt sich noch steigern, wenn man die seltsame, lederne Betrachtungslupe verwendet, die mich irgendwie an Bombenzielgeräte aus dem 1. Weltkrieg erinnert und die einen das magische Bild mit beiden Augen betrachten lässt. Aber auch der Blick durch den einfachen Lichtschacht mit seiner ausklappbaren Lupe ist so faszinierend, dass ich hin und wieder die Rolleiflex ohne Film in die Hand nehme und die Welt durch ihr magisches Heidosmat-Auge betrachte. Dabei drücke ich dann spielerisch auf den Auslöser, höre mir das trockene Zippen der 500stel Sekunde an oder erfreue mich am sanften Schnurren der langen Zeiten, die man immer wieder mal ablaufen lassen soll, damit das Hemmwerk des Zentralverschlusses nicht verharzt.

Die Suchermagie der Rolleiflex (und anderer hochwertiger zweiäugiger Spiegelreflexkameras wie der Ikoflex von Zeiss-Ikon) lässt sich heute nur noch ansatzweise mit dem schwenkbaren Display einer digitalen spiegellosen Systemkamera wie der Panasonic GH4 erleben, das einem auch ein Bild der realen Welt auf einer flach da liegenden, relativ großen, zweidimensionalen Fläche zeigt. Nur dass dieser Zauber bei der Rolleiflex wegen des Lichtschachts besonders bei Tageslicht viel brillanter ist und schon vor neun Jahrzehnten möglich war, ohne eine Batterie oder elektronische Schaltkreise. Und auch unter den alten, analogen Kameras sind die Rolleiflex und ihre zweiäugigen Verwandten einmalig. Weder der Messsucher einer Leica noch der Blick durch den Sucher einer x-beliebigen SLR – sei sie analog oder digital – lässt sich mit der magischen Mattscheibe einer Rolleiflex vergleichen.

Mit der Rolleiflex hält man einen Kubus voller Ideen in Händen, voller Ideen und kleiner Verbesserungen, die man in 40 Jahren kontinuierlich in diese Konstruktion hat einfließen lassen. Und so ist meine Rolleiflex voller mechanischer Husarenstückchen, die mich immer wieder mit freudiger Bewunderung erfüllen.

Wenn ich zum Beispiel an den beiden Rändelrädernd an der Vorderseite der Kamera Blende oder Verschlusszeit verstelle, bewegt sich an der linken Kameraseite, im Sichtfenster des Drehknopfs zur Enfernungseinstellung, die Messkelle des Belichtungsmessers reziprok hin und her. Die Drehbewegung dieser zwei Rädern wird um 90 Grad umgelenkt und und in eine Schwenkbewegung übertragen. Man will sich gar nicht vorstellen, wie viele möglicherweise reparaturanfällige mechanische Bauteile für diesen Trick nötig sind.

Rolleiflex: Magische Mechanik: Belichtungsmesser und Schärfentiefenanzeige
Magische Mechanik: Belichtungsmesser und Schärfentiefenanzeige

Doch damit nicht genug: Zussätzlich zu der sich wie von Geisterhand bewegenden Kelle des Belichtungsmessers vergrößert oder verkleinert sich beim Verstellen der Blende in einem weiteren Sichtfenster des Entfernungseinstellknopfes  ein weißer Kreisausschnitt, der einen an den sich in seinem Bereich befindlichen Meter- oder Feetzahlen ablesen lässt, was für eine Schärfentiefe man mit der jeweiligen Blende erzielen kann.

Dieses Feature, das mir lange Zeit gar nicht aufgefallen ist, hat mich, als ich es zum ersten Mal entdeckte, in ungläubige Verzückung versetzt und ist für mich ein Musterbeispiel dafür, was kontinuierliche Entwicklung vollbringen kann6.  Andere Hersteller lösen so etwas mit ein paar eingravierten Strichen am Objektiv oder einem Schaurad irgendwo an der Kamera, das man von Hand einstellen muss, Rollei lässt die Kamera mechanische Zauberkunststücke ohne Netz und doppelten Boden – pardon, ohne Elektronik und Batterie vollführen. Und dass dieses komplexe Meisterwerk der Feinmechanik auch nach über sechs Jahrzehnten noch perfekt seinen Dienst versieht, ist fast noch bewundernswerter als seine Konstruktion.

 

Hier ist eine Galerie von 3D-Aufnahmen, die ich mit dieser Kamera gemacht habe

 

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