Galerie: Adlerflug nach Mariabrunn

 

Ein Ausflug mit zwei Zeitmaschinen – meiner Adler M200, einem deutschen Motorrad aus dem Jahr 1953, und der 16 Jahre älteren Super Ikonta, Baujahr 1937. Es ist ein warmer Spätsommertag des Jahres 2017, die Sonne steht hoch am weißblauen Himmel, und die Fahrt führt auf kleinen Straßen von München Schwabing hinaus nach Oberschleißheim, über Badersfeld durchs Moor nach Haimhausen an der Amper und dann weiter über Amperpettenbach, Sulzrain und Lotzbach nach Mariabrunn mit seiner schönen Kapelle.

Auf kleinen, schmalen Nebenstraßen, die wie gemacht sind für die Motorräder der 50er-Jahre, schnurrt der 200 ccm Zweitakttwin klaglos dahin, die Vordergabel mit den Wickelbandfedern und der Reibscheibendämpfung tanzt über den rissig gewordenen Teer,  und beim Beschleunigen stoßen die beiden Auspüffe kleine, blaue Wölkchen aus, die nach verbranntem Öl  und vergessen geglaubter Freiheit riechen.

Meine Adler M200 vor der Wallfahrtskirche Mariabrunn
Meine Adler M200 vor der Kapelle Mariabrunn

Die Super Ikonta reist zusammengeklappt und geschützt von der ledernen Bereitschaftstasche einer Moskva 5  im Rucksack mit. Will man eine 6×9-Kamera auf eine Motorradausfahrt mitnehmen, ist die Super Ikonta die Kamera der Wahl – kompakter geht es nicht in diesem Format. Bei den immer wieder eingelegten Pausen wird sie aufgeklappt, und wenn das mächtige 105 mm Carl Zeiss Tessar mit einem satten Schmatzen des ledernen Faltenbalgs aus seinem Gehäuse gekommen ist und sich mit einem leisen Klicken verriegelt hat, ich mit dem Drehkeil-Entfernungsmesser die Distanz zur Adler, die in ihrer ganzen Schönheit am Straßenrand steht. Mein Daumen spannt den Compur Rapid-Verschluss, ein gepfeilter Chromzeiger wird auf die Blendenzahl geschoben, die der mitgeführte Sixtomat Selenbelichtungsmesser angibt, und mit einem metallischen Zucken gibt der Zentralverschluss eine Zweihundertstelsekunde lang dem Sommerlicht den Weg durch das unvergütete Objektiv auf den am anderen Ende der Kamera über Walzen gespannten Schwarzweißfilm frei. Dass der Balgen, der das Objektiv und das Metallgehäuse mit dem Film überhaupt erst zur camera abscura, der dunklen Kammer macht, in einer seiner vielen Falten ein winziges Lichtleck hat, sehe ich erst auf den entwickelten Negativen. Es sind die oben rechts sich ins Bild drängenden weißen Keile auf manchen der Bilder, die die Sonne ungeplant auf die Emulsion geworfen hat – eine unübersehbare Warnung des Lichts, dass es seinen Weg auch durch die kleinsten Löcher findet und ein Hinweis darauf, dass die Zeit auch an einer Zeitmaschine wie der Super Ikonta nagt.

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