Eine Reise, zusammen mit meiner Frau, durch ein winterliches Bayern im Jahr 2020: von München in den Norden, vom Norden nach Süden, dann ein Stück weiter westlich wieder hinauf in den Norden an den Main und schließlich zurück nach München. Mit dabei neben einer professionellen Videokamera meine 55 Jahre alte Ultramatic CS, eine der schönsten Kameras, die ich besitze, mit glatten Linien, schimmernd verchromt, und ihre drei Objektive – ein 3.4/35mm Skoparex, ein 4/135mm Super-Dynarex und das wunderbare 2/50mm Septon. Während meine Reise von Arbeit geprägt ist – vorbereitende Videoaufnahmen für eine Fernsehsendung – ist die Reise der Ultramatic das entspannte optische Kontrastprogramm. Wo immer wir sind, nimmt sie sich ihre Zeit, zieht mich für Augenblicke hinüber in ihre Welt, sucht sie sich ihre Motive und lässt mich auf den Auslöser drücken. Dabei belichtet ihre vor mehr als einem halben Jahrhundert ersonnene Blendenautomatik Bild um Bild so gleichmäßig, dass es eine wahre Freude ist

Hier sind Fotos von dieser Reise in der Reise, von der Ultramatic, mit der Ultramatic und ein paar, die ich gesehen, aber nicht gemacht habe  …

Raststätte Fürholzen – Sie drucken rauchende Urviecher im Trachtenhut auf die Wand vor dem McDonalds Bestellterminal, sie drucken Bilder von Kühen auf die Tische, aber die Milch im Capuccino schmeckt nicht. Und auf die Tasse schreiben sie “Forget love”. Wunderbare deutsche Raststättenwelt.
Draußen laufen Kinder in roten Anoraks verloren zwischen den allgegenwärtigen Steinkörben herum, ein Bentley aus Frankfurt stellt sich so unverschämt vor die Raststätte, dass er zwei der knappen Parkplätze blockiert. Die erste Woche in einem neuen Jahr geht an diesem grauen, vom kühlem Regen besprühten Sonntag langsam zu Ende, auf einem Frauenparkplatz liegt verloren ein Häufchen orangefarben leuchtender Kartoffelchips, Kalorien, die wohl keine Fettpölsterchen mehr verursachen.

Oberstdorf im Allgäu – ein vom Moloch Tourismus im Innersten umgekrempelter Ort zu Füßen einer in grelles LED-Licht getauchten Sprungschanze, vor der Arbeiter die Tribünen des Neujahrsspringens abmontieren. Horden von Apres-Skifahrern drängen sich durch die schneelosen Straßen in die von Alleinunterhaltern bespaßten Anbauten gründlich durchrenovierter Dorfgasthäuser. Aus den Schaufenstern der Sportgeschäfte schreien die Sonderangebote in den klaren Abend hinauf zu den langsam heller werdenden Sternen. In unserer Unterkunft hoch oben über dem nächtlichen Talkessel stelle ich die Ultramatic aufs Holzgeländer des Balkons, drücke, nachdem ich das Zeitenrad auf B gedreht habe, geschätzte fünfzehn Sekunden auf den Auslöser und hoffe, dass die Kamera dabei einigermaßen ruhig bleibt. Das weit geöffnete Septon saugt das schwache Nachtlicht ins Innere der Kamera und wirft es gebündelt auf den Kodacolor-Film. Wie wunderbar, dass ich das Ergebnis erst in einigen Tagen betrachten kann, wenn ich am heimischen Computer den entwickelten Film eingescannt habe!

Am nächsten Morgen haben sich Wolken zwischen die Berge gedrängt, aus denen spärliche Schneeflocken lustlos heruntertreiben. Der Wind ist kühl, der Tag ist feucht. Auf der Fahrt den Berg hinab kommt uns ein kleiner, von stämmigen Pferden gezogener Wagen entgegen, in dem Touristen irgendwo hingefahren werden. Ich reiße auf dem Beifahrersitz unseres am Straßenrand anhaltenden Autos die Ultramatic hoch und drücke, ohne richtig scharf zu stellen, auf den Auslöser, als die Pferde an uns vorüberziehen.

Auf dem Weg nach Norden passieren wir traurige Skischulen mit Batterien von Schneekanonen unter einem schwergrauen Himmel. Unter einem mit Luft gefüllten Riesenschneemann rutschen Kinder eine verlorene Schneebahn zwischen grünbraunen Wiesen herunter, eingefasst von gelborangen Plastikzäunen. Ob diese fürs Skifahren gerade angefixt werdenden Jungjunkies wohl noch wissen, was Schnee einmal war, wenn sie später einmal selber Kinder haben?

Auf Autobahnpisten hinauf nach Franken, graue Kilometer an Lastwagenkolonnen vorbei. An der Mainschleife verlassen wir das seelenlose Band, die Landstraßen nehmen uns auf, an deren Rand seltsame Bauwagen mit rostenden Weihnachtshirschen im schwindenden Licht des Nachmittags stehen. In dem Weingut, in dem wir übernachten, leuchtet mir im morgendlichen Bad grellrosa lackierter Stuhl entgegen, während draußen weichkalter Nebel über die Weinberge kriecht. In ein paar Stunden werden wir wieder im Auto sitzen, auf der Autobahn nach Süden, die Heimreise hat schon fast begonnen.