Skiorte sind im Sommer oft Geisterstädte. Wenn ihre Lebensader, der Wintersport, für die nächsten paar  versiegt, schalten viele von ihnen in einen reduzierten Lebensmodus. Viele ihrer Einrichtungen wie Hotels, Skischulen und Sportgeschäfte haben geschlossen, und Unfallchirurgen, in der Saison rund um die Uhr mit der Versorgung von Knochenbrüchen und Kopfverletzungen beschäftigt, halten auf irgendwelchen tropischen Inseln von Mai bis November ihren wohl verdienten Sommerschlaf.

Was uns nicht skifahrenden Sommerbesuchern solcher Orte bleibt, sind verrammelte Touristensilos am Fuß von kahlgeschrammten, von Planierraupen malträtierten Pisten, unter der Sonne vor sich hin bleichende Riesenhasen aus GFK, die am Idiotenhang mitten im Ort schon Kleinkinder fürs Skifahren anfixen sollen, heruntergelassene Jalousien vor hässlichen Handtuchfenstern, menschenleere Straßen und der von den Stahlkanten unzähliger Skier verkratzte Asphalt verlassener Parkplätze. Und – im Fall von Obertauern, dem vielleicht extremsten der winterlichen Retortenorte im Salzburger Lungau – vier lebensgroße Bronzefiguren der Beatles vor einem auf Monate hinaus verrammelten Hotel an der Hauptstraße – ein Monument für deren kurzen Besuch anlässlich der Dreharbeiten ihres Films „Help“ im Jahr 1965 (die Skiszenen mussten von ortsansässigen Pistenfexen gedoubelt  werden, die dadurch prompt zu lokalen Berühmtheiten wurden.

Ob Bronze-Beatles oder skifahrende Riesenhasen – Motive gibt es hier im Überfluss für die Kodak Retina Reflex Modell 025, die zusammen mit einer Agfa Isolette III für Mittelformat-Schwarzweißaufnahmen eine meiner beiden fotografischen Reisebegleiterinnen für meine Expeditionen in die vom Tourismus geschundenen Alpen ist.

Die  Verirrungen unserer heutigen Zeit mit so einer archaischen Kamera zu fotografieren, hat seinen ganz eigenen Reiz. Als die Retina Reflex im Jahr 1957 in Stuttgart in der Fabrik von August Nagel das Licht der Welt erblickte, hatte Obertauern noch nicht einmal einen Namen. Der heutige Brennpunkt eines fragwürdigen, alpenzerstörenden Wintertourismus war damals kaum mehr als eine Ansammlung von in den 1950er Jahren hingestellten Skifahrer-Herbergen, deren Gäste sich in einer Zeit ohne Pistenraupen und Schneekanonen die Abfahrten mit ihren Brettln bisweilen selber glatt trampeln mussten.

Gut möglich, dass der eine oder andere von ihnen eine Retina Reflex wie die meine bei sich hatte, eine für Minusgrade bestens gewappnete, rein mechanische Spiegelreflexkamera mit Synchro-Compur Zentralverschluss, einem ungekoppelten Belichtungsmesser mit Lichtwertskala und dem legendären, lichtstarken 2/50mm Xenon-Normalobjektiv, das schon ihrer Messsucher-Vorläuferin, der Retina IIIC, zu einer hervorragenden optischen Leistung verholfen hatte. Wie bei der “Big C” konnte man beim Urmodell der Retina Reflex die vordere optische Gruppe des Xenons gegen einen Weitwinkel- oder Televorsatz austauschen, relativ voluminöse Linsengruppen, die beide nicht so richtig an die Abbildungsleistung des Grund-Xenons heranreichen, was man an meinen Aufnahmen mit dem 5.6/35mm Curtagon deutlich erkennen kann.