Muss man mögen: Fotografisches Roulette mit der Yashica AUTO Focus

 

Gut, es ist eine Schwäche, das gebe ich zu. Ich kann auf Flohmärkten an keiner alten Kamera vorbeigehen, ohne sie nicht wenigstens kurz in die Hand genommen zu haben, auch wenn sie, wie die Yashica Auto Fokus, die ich neulich auf den Schwabinger Hofflohmärkten entdeckte, definitiv nicht in die Rolleiflex-Leica-Hasselblad-Klasse gehört. Vom Formfaktor her erinnerte sie mich an an Kompaktkameras wie die Canonet oder die Minolta Hi Matic, und die Worte “Auto” und “Focus”, die in großen Lettern auf ihrem Plastikgehäuse prangten, ließen die Vermutung zu, dass diese heute stinknormale Funktion damals der letzte technologische Schrei gewesen sein musste. Die Yashica war noch relativ gut erhalten, und da mir der Besitzer versicherte, sie hätte bis vor kurzem noch funktioniert, kaufte ich sie ihm ab. Fünf Euro sind nicht zu viel für einen zukunftsweisenden Vertreter japanischer Kameratechnik von einst.

Es war ein sonniger Samstagvormittag, und ich hatte ein paar Stunden Zeit, also entschloss ich mich zu einem spontanen Kamera-Kurztest. Ich klappte das Batteriefach der Yashica auf, kratzte die weißlich-grüne Oxidschicht von den Kontakten und kaufte in einem Drogeriemarkt zwei AA-Batterien und einen Farbfilm. Dann machte ich mich mit ein paar Trockenübungen mit der Kamera vertraut, legte den Film ein und begann in der sommerlich heißen Innenstadt zu fotografieren. Mit einer Kamera, die mir erst seit zehn Minuten gehörte.

Allzu viel an fotografischer Finesse hat die Yashica Auto Fokus nicht zu bieten: Ein dreilinsiges Objektiv mit der größten Öffnung von 2.8 und der nicht unsympathischen, leicht weitwinkligen Brennweite von 38mm, einen Auslöser, eine Rückspulkurbel, einen Hebel, mit dem sich der Selbstauslöser spannen lässt, und einen seltsamen Knopf an der Vorderseite mit der Beschriftung “Focus Lock”. Möglichkeiten, Verschlusszeiten oder Blende einzustellen, sucht man vergebens, lediglich die Filmempfindlichkeit kann man in einem kleinen Sichtfenster zwischen 25 und 500 ASA einstellen. Der Sucher ist relativ groß und hell und mit einem Leuchtrahmen mit Parallaxenausgleich versehen. Mitten in diesem Leuchtrahmen befindet sich ein zweiter, kleiner und quadratisch und unübersehbar der Bereich, auf den die Yashica vollautomatisch scharfstellt.

Nach welchem Prinzip sie das bewerkstelligt, blieb mir auf meinem Fotospaziergang ein Geheimnis, aber ich habe es später im Internet nachgelesen: Die Auto Focus verwendete eine der ersten Scharfstellautomatiken, die von Honeywell Mitte der 1970er-Jahre entwickelte Visitronic, die auf eine noch recht primitive Weise die von zwei im Abstand von ein paar Zentimetern neben dem Sucher angebrachten Fenstern in die Kamera gespiegelten Bilder auf elektronische Weise verglich. Hier kann man auf Englisch nachlesen, wie das funktionierte. Auf meinem Spaziergang war ich nur froh, DASS sie funktionierte. Und das gab sie mit unüberhörbarer Geräuschkulisse kund. Drückt man mit eingelegten Batterien und gespanntem Verschluss auf den Auslöser, gibt sie ein relativ lautes, mechanisches Schnarren von sich, gefolgt vom deutlich hörbaren Klicken des Verschlusses. Mit dem Schnarren fährt das Objektiv, das beim Filmtransport in seine vorderste Position (Scharfstellung auf 1 Meter) transportiert wurde, so weit zurück, bis es die Elektronik stoppt und der Verschluss ein – hoffentlich – scharfes Foto belichtet.  Mit dem Spannen des Verschlusses wird es dann mit einem ebenso lauten Geräusch wieder nach vorn transportiert, und der magische Vorgang beginnt von neuem. Schnarr-Klick, Schnarr-Klick, Schnarr-Klick … die Zukunftsmusik der Vergangenheit. Verglichen mit dem leisen Summen heutiger Autofokussysteme ist das ein Lärm, der unbemerktes Fotografieren unmöglich macht. Und auch die Bestätigung, dass sie richtig fokussiert hat, bleibt einem die Yashica schuldig. Es gibt zwar eine rot leuchtende Diode im Sucher, aber die zeigt lediglich durch hektisches Blinken an, dass das Licht für die vollautomatische Belichtung nicht ausreicht und man den – damals auch ein Novum – in die Kamera eingebauten Blitz ausfahren soll. Die Entfernung, auf die sie scharfgestellt hat, zeigt einem die Yashica erst im Nachhinein an, mit einem roten Zeiger auf einer an ihrer Vorderseite sichtbaren Skala mit kleinen Symbolen vom Gebirge bis zum Portraitkopf.

Diese zwei Anzeigen – die Diode und der Zeiger – sind die einzige Kommunikation der Kamera mit ihrem Benützer. Ansonsten ist dieser auf Gedeih und Verderb ihren Automatiken ausgeliefert, und die sind alles andere als unfehlbar. Gut, die Belichtungsautomatik, die es der Kamera ermöglicht, Verschlusszeiten von 1/8 bis 1/500 sec und Blenden von 2.8 bis 16 einzustellen, arbeitet bei Farbnegativen noch relativ zuverlässig, aber das Scharfstellen ist – zumindest bei meinem speziellen Exemplar – eher ein Glücksspiel.

Natürlich konnte ich das erst feststellen, als ich zwei Tage später den entwickelten Film in Händen hielt. Von den 36 Aufnahmen, die ich auf meinem Spaziergang in der Münchner Innenstadt gemacht habe, war ein Drittel scharf, ein Drittel knapp an der Schärfe vorbei und ein Drittel deutlich verschwommen. Was die Kamera dazu bewegt hat, richtig oder falsch zu fokussieren, kann ich anhand der Bilder nicht nachvollziehen. Oft war eine Aufnahme scharf und die nur Sekunden danach vom selben Motiv gemachte unscharf. Auf drei unscharfe Aufnahmen folgte eine scharfe, dann waren wieder mehrere hintereinander perfekt fokussiert.

Bild 1 – Schäffler in München – automatisch scharfgestellt
Bild 2, Sekunden später, nicht scharfgestellt
Bild 3, kurz danach – wieder scharfgestellt
Definitiv nicht scharf gestellt – Schade!

Ich weiß nicht, ob ich noch einen zweiten Film in die Auto Focus einlegen werde. Die Kamera reparieren zu lassen steht – falls das überhaupt noch jemand macht – wohl nicht für sich. Und irgendwie hat es ja auch seinen Reiz, sich auf Gedeih und Verderb vierzig Jahre alten Vollautomatiken auszuliefern und damit eine Art fotografisches Roulette zu spielen. Jedes gelungene Foto ist dann ein Aha-Erlebnis, denn wenn es der Auto Focus gelungen ist, ihrem Namen gerecht zu werden, liefert das 2.8/38 mm-Objektiv recht charmante Bilder mit dem typischen Schmelz eines alten Dreilinsers. Andererseits ist aber auch eine um so herbere Enttäuschung vorprogrammiert, wenn einem gut belichteten Foto von einem interessanten Motiv die nötige Schärfe fehlt. Auf hoher See, vor Gericht und beim Fotografieren mit der Yashica Auto Focus ist man in Gottes Hand.

Muss man mögen, so etwas.

Und hier noch ein paar gelungene Bilder aus dem ersten und bislang einzigen Film mit der AUTO Focus. Keine so schlechte Kamera für Straßenfotografie, wenn sie funktioniert …

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