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Ein Fotografie-Blog

Ist meine M9 überflüssig? Eine (noch) unbeantwortete Frage

Wer dieses Blog liest, weiß, dass ich mich in den letzten Jahren immer weiter zum passionierten Angalogfotografen (zurück)entwickelt habe. Eine Entwicklung, die 2017 mit dem Kauf einer Retina IIIc begann, hat mich immer tiefer in ihren Bann gezogen. Inzwischen fühle ich mich, wenn ich ohne eine meiner inzwischen recht zahlreich gewordenen analogen Kameras aus dem Haus gehe, fotografisch amputiert, selbst wenn ich ein modernes Smartphone oder sogar eine professionelle Digitalkamera bei mir habe.

Generell bin ich mit dieser Entwicklung recht zufrieden. Wer greift schon zu einer A7 oder einer GH5, wenn er eine Retina IIIC, eine Flexilette, eine Rolleiflex oder eine Ultramatic CS hat? Für meine persönliche Fotografie könnte ich gut und gerne komplett auf digitale Bilderzeugungsmaschinen verzichten, wäre da nicht sie: Die Leica M9, die ich mir vor ein paar Jahren gekauft habe in der Hoffnung, mit ihr meine zahlreichen Leicaobjektive für meine professionelle Fotografie reaktivieren zu können.

Um es kurz zu machen: diese Erwartung hat die M9 für mich nicht rundum erfüllt. Ich habe zwar die eine oder andere Reportage mit ihr fotografiert (mit der Leica CL als Zweitkamera für private Schwarzweißfotos auf Film), aber in der Event- und Konzertfotografie, meinem hauptsächlichen Arbeitsbereich heute, ist man inzwischen an Bilder gewöhnt, die, ohne Blitz geschossen, auch bei hohen ISO-Zahlen praktisch rauschfrei und hoch aufgelöst sind. Aufnahmen, wie sie nur ein gut funktionierender Autofokus und moderne CMOS-Sensoren zu liefern imstande sind. Die M9, mit ihren inzwischen elf Jahren auf dem Buckel, entwickelt mit ihrem veralteten CCD-Sensor oberhalb von 800 ISO ein deutlich erkennbares Bildrauschen, das mich viel zu schnell dazu zwingt, einen Blitz auf die Kamera zu stecken.

Eigentlich skandalös, dieses rapide Veralten einer als Neukauf mehrere Tausend Euro teuren Kamera. Meine M3 liefert mir dank regelmäßiger Wartung noch heute technisch genauso gute Fotos wie meinem Onkel, der sie vor vor 65 Jahren bei Foto Schaja in München gekauft hat, die M9 hingegen ist schon nach einem einzigen Jahrzehnt so veraltet, dass man sie nur mit gehörigem Bauchgrimmen für das verwenden kann, wofür sie gebaut und gekauft wurde. Wenn ich mir das vor Augen führe, weiß ich, warum mir die digitale Fotografie immer unsympathischer wird.

Aber da steht sie nun einmal in meinem Kameraschrank, die M9, neben M3 und Leica CL, neben einer ZeissIkon von Cosina und einer Konica Hexar RF und einer kleinen Sammlung von im Lauf der Jahre zusammengekommenen und mir ans Herz gewachsenen Objektiven für das Leica M-Bajonett. Ein schöner, grundsolider Apparat mit hellbrauner Sonderbelederung und schwarzem Lack, bei dem genau an den richtigen Stellen das Messing durchschimmert – eine Patina, von der andere Digitalkameras nur träumen können.

Wenn ich die M9 so neben meiner M3 sehe, ist sie durchaus ein Anblick, der mir das Herz erwärmt. Auch wenn die digitale Leica spürbar dicker ist als ihre schlanke, analoge Ahnin, so hat sie von ihr dennoch die Leica-M-Gene und damit das gute Aussehen einer Jahrhundertkamera geerbt. Gut,  den Schnellschalthebel und den Rückspulknopf hat sie abgelegt, der Sucher ist größer geworden, und das etwas biedere 50er-Jahre-Designkleid ihrer Urgroßmutter hat die M9 gegen ein moderner geschnittenes mit glatten Linien und dem roten Knopf an der Vorderseite eingetauscht. Ansonsten aber ist sie in ihren Grundzügen eine Leica geblieben, und das ist gut so.

Aber hat sie sich deshalb einen dauerhaften Platz unter meinen Kameras verdient? Ich bin mir, ehrlich gesagt, nicht sicher. Eines meiner Argumente, mit denen ich mir.meine immer umfangreicher werdende Kamerasammlung schönrede, ist, dass ich mit allen meinen Kameras, wenn auch in größeren Zeitabständen, aktiv fotografiere. Soll ich bei der M9 eine Ausnahme machen und sie als Sammlerstück in die – bei mir gar nicht vorhandene – Vitrine stellen? Oder sie doch hin und wieder bei einem professionellen Auftrag verwenden, wohl wissend, dass sie nach heutigen Maßstäben suboptimale Bilder liefert? Und Bilder aus Spaß an der Freude werde ich, das weiß ich, wahrscheinlich nicht mehr auf digitalem Weg erstellen, dazu habe ich einfach zu viele wunderbare analoge Apparate.

Und wie wird die M9 nach ein paar weiteren, von galoppierendem technischem „Fortschritt“ geprägten Jahrzehnten dastehen? So sehr ich viele meiner alten mechanischen Kameras gerade wegen ihrer Unzulänglichkeiten liebe – ich glaube nicht, dass ich eine solche Liebe auf für eine alternde Digitalkamera empfinden kann. Wie wird das jetzt schon sichtbar gealterte Plastik an der Kamerarückseite der M9 mit seinen etwas wackelig gewordenen Knöpfen und der verblassenden weißen Schrift in zehn Jahren aussehen? Wie werde ich dann mit den noch weiter gealterten Batterien zurecht kommen, von denen ich jetzt schon drei bis vier Stück mitnehmen muss, um einen Tag lang fotografieren zu können? Werde ich mich am Rauschen und Banding des CCD-Sensors genauso erfreuen wie an den optischen Schwächen alter dreilinsiger Objektive? Und wie lange hält so ein Sensor überhaupt?

Alles Fragen, auf die ich momentan noch keine Antwort habe, die sich mir aber jedes Mal stellen, wenn ich die M9 in die Hand nehme. Und das geschieht, leider vielleicht, zunehmend seltener …

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