Vergessen in einer Retina IIIS – Teil 3

Die Bilder – fortgesetzt

Vom Licht ganz anders als die vorhergehenden ist das nächste Bild. Es ist das einzige, das auf dem Film mit bloßem Auge zu erkennen war. Der Himmel ist blau, im Vordergrund hängen reife Orangen und Zitronen an Bäumen, die offenbar im Spalier zu beiden Seiten eines Torbogens hochgezogen wurden. Die  Architektur des Hauses, zu dem dieser Torbogen gehört, wirkt südländisch, spanisch oder italienisch, und die Farben der Zitronen und Orangen sind, ebenso wie das Grün der Blätter, viel leuchtender als die auf den anderen Bildern des Filmes. Für mich waren sie ein Glücksfall, denn anhand der Farben dieser Früchte konnte ich in der Bildbearbeitung die Farbbalance des Fotos halbwegs realistisch einstellen, was mir bei den anderen Bildern nicht gelang.

Fuji Superia 1600 aus einer Retina IIIS- Bild 4
Fuji Superia 1600 aus einer Retina IIIS- Bild 4

Schon beim nächsten Bild sah das wieder ganz anders aus – es zeigt dasselbe Gebäude wie das Foto zuvor, ist aber so verblasst, dass es nach der Bearbeitung in Luminar wie eine falsche Nachtaufnahme aus einem Hollywood-Western aussieht. Immerhin erkennt man einen Innenhof mit einem Torbogen (ist es der aus dem vorherigen Bild?) und schlanken, hoch gewachsenen Orangenbäumen und einem von Topfpflanzen umstandenen Bassin, das auch ein kleiner Brunnen sein könnte. Was ist das für ein Bauwerk? Ein Palast? Eine Wohnanlage?

Fuji Superia 1600 aus einer Retina IIIS- Bild 5
Fuji Superia 1600 aus einer Retina IIIS- Bild 5

Und welchem zeitlichen und räumlichen Abstand entstanden die Bilder von der jungen Frau und dem Gebäude mit den Orangen und Zitronen? Liegen Wochen, Monate, Jahre zwischen ihnen, in denen die Retina mit ihrem Besitzer vom Norden in den Süden gereist ist? Oder wurden sie in derselben Stadt irgendwo im Süden fotografiert, die ersten während eines sommerlichen Regenschauers, das nächste am Tag danach, als die Sonne wieder schien?

Fuji Superia 1600 aus einer Retina IIIS- Bild 6
Fuji Superia 1600 aus einer Retina IIIS- Bild 6

Auch das nächste Foto, das aus einem Wohnraum hinaus auf eine halb überdachte Terrasse gemacht wurde, könnte ein Hinweis auf eine Ferienwohnung im Süden sein. Die Korbmöbel, der offene Kamin auf der Terrasse, der Raum mit seiner modernen, vom Boden bis zur Decke isolierverglasten Doppeltür mit weiß lackierten Griffen – all das könnte sich in einer der in den 1980er-Jahren in vielen südeuropäischen Ferienorten hochgezogenen Bettenburgen befinden, aber auch in einem viel weiter nördlich gelegenen Privathaus, zu dem auch der hohe Schrank aus hellem Holz mit vielen Astlöchern  passen könnte. Aber war damals Ikea nicht schon europaweit aktiv? Schade, dass man auf dem quadratischen Bild an der Wand zwischen Fenster und Schrank – ist es ein Foto aus einer Mittelformatkamera oder einer Kodak Instamatic? – ebensowenig erkennen kann wie auf dem länglichen, schief hängenden Bild darunter, das eine Aquarellskizze oder ein Kunstkalender sein könnte. Wer saß auf dem Schaukelstuhl, dem Korbsessel? Der Fotograf, die Frau, beide? Wer hat welche Blumen mit der kleinen Gießkanne auf dem Kaminsims gegossen? Was ist das metallisch glänzende Gestell über der Lehne des Schaukelstuhls? Ein Wäschetrockner? Eine Liege?

Fuji Superia 1600 aus einer Retina IIIS- Bild 7
Fuji Superia 1600 aus einer Retina IIIS- Bild 7

Beim letzten Bild auf diesem Film bin ich mir nicht sicher, ob es überhaupt ein Bild ist, denn es zeigt nichts außer einem senkrechten Streifen am rechten Rand und ein seltsames chemisches Artefakt, das ein aussieht wie eine explodierende Silvesterrakete in schwarz an einem grün-bräunlich gekörnten Nachthimmel. Ein ähnliches schwarzes Gebilde wie die auf dem Bild der jungen Frau, vermutlich auf chemische Veränderungen oder Pilzsporen in der Emulsion des unentwickelten Filmes zurückzuführen, aber für mich ist es ein negatives Feuerwerk, der fulminante Schlusspunkt hinter einem Film, der verloren gewesen wäre, hätte ich es mir nicht zur Routine gemacht, bei gebraucht gekauften Kameras immer erst den Rückspulknopf zu prüfen …

Ende

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